Ratingsysteme im Vergleich - ein Erfahrungsbericht

29. November, 16:00 Uhr

Ich habe in den letzten paar Jahren in vielen verschiedenen Regionen gesegelt und immer wieder unter anderen Ratingsystemen. Fazit: kein Ratingsystem wird dem korrekten Potential der Boote gerecht! Grundsätzlich gilt, dass fast alle Ratingsyteme für „heavy displacement yachts“, d.h. Verdränger, gemacht sind und leichte Boote mit Gleitpotential in vielen Bedingungen abgestraft werden oder auf bestimmten Kursen stark be- oder übervorteilt werden. Auffällig ist jedoch, dass es grosse Unterschiede in der Bewertung gibt, insbesondere bei den Vorwindsegeln – inkl. Code 0.

Diese Betrachtung ist ein reiner Erfahrungsbericht mit einer persönlichen Schlussfolgerung und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Überblick der von mir betrachteten Ratingsysteme:

-          ORC Club und International (ORCC/ORCi)

-          IRC

-          Swiss Rating System (SRS)

-          Swedisch Rating System (SSRS)

-          Norwegian Rating System (NOR)

-          Yardstick (YSK)

Grundsätzlich gibt es zwei primäre Ratingsysteme: ORC und IRC. Die meisten anderen sind Ableitungen und Vereinfachungen dieser Systeme. Somit gilt es, zuerst diese beiden Systeme zu untersuchen.

ORC Club und International

Tatsächlich scheint das ORC System das ausgeklügelste zu sein, basiert es doch heute auf den Offset-Files der Designer ergänzt mit vielen selbstdeklarierten Daten, wie z.B. Segel. Vorher wurden die Rümpfe und Anhänge mit Laser gescannt, ein ziemlich aufwendiger Prozess. Heute reicht das Designer-File sowie eine Gewichtsmessung im vorgeschriebenen Zustand für die Club-Vermessung, d.h. komplett leer, ohne Schoten und Leinen, ohne Segel aber mit Motor und allen festen Einrichtungsgegenständen sowie einer Messung des Mastgewichts und dessen Schwerpunkt. ORC Club ist verhältnismässig einfach, weil dort keine Stabilitätsmessungen gemacht werden müssen sondern die Daten vom Designer übernommen werden. Beim ORC International werden sog. Freeboard-Messungen gemacht, um das Gewicht des Bootes zu ermitteln. Dazu sind Messpunkte vom Designer am Rumpf sinnvoll. Zudem werden beim ORCi auch Stabilitätsmessungen durchgeführt.

Bei der SAPHIRE 27 – Serafina SUI-27 sehen die aktuellen ORCC Werte mit Top-Gennaker (76m2) aber ohne Code 0 wie folgt aus:

Das GPH liegt bei 631.3 und gilt als „Sammelwert“ aller Werte. Vergleicht man das Boot mit dem ausgestellten Grosssegel und dem Top-Gennaker mit einer "klassichen" Besegelung, d.h. Grossegel mit Pin-Head 22.5m2 und Gennaker im 7/8 mit 46m2 wäre der Wert 659.1, d.h. 4.4% höher bzw. langsamer. Es liegt auf der Hand, dass man ORC-Regatten mit der kleineren Besegelung bestreiten müsste, da es unmöglich erscheint, 4.4% schneller zu segeln über alle Windbedingungen, berücksichtigt man insbesondere, dass das Boot an der Kreuz bei rund 2Bf. bereits Rumpfgeschwindigkeit segelt.

Beim gleichen Boot aber mit klassischem Grosssegel (22.5m2 statt 29m2) und 7/8 Gennaker 47m2 sehen die Werte wie folgt aus:

Schaut man sich die Werte in der Praxis aus, sieht das an der Kreuz in etwa so aus:

Geht man noch etwas mehr ins Detail, findet man im ORCC und ORCI Rating-Werte für jede Windgeschwindigkeit von 6 – 20kn für Inshore und Offshore:

Da das ganze nun sehr theoretisch wird, möchte ich einige praktische Vergleiche mit dem GPH machen, auch wenn dieser Wert nur eine grobe Aussage zulässt. In den Betrachtungen ist kein Code 0 berücksichtigt. Je tiefer der Wert, desto schneller das Boot:

Positive Werte stellen eine Abstrafung gegenüber der Saphire 27 Serafina dar, d.h. das entsprechende Boot müsste schneller Segeln. Die Streuung innerhalb der gleichen Bootstypen ist enorm, insbesondere bei den Platus: > 4%! Das hängt mit der Deklaration von Gewicht und den Segeln zusammen, ist aber nicht wirklich nachvollziehbar.

Auf den ersten Blick erkennt man, dass ältere Konstruktionen oder schwere Boote bevorteilt werden. Das rührt daher, dass die sog. Velocity Prediction Programme (VPP) den Gleitzustand der Boote nicht korrekt berechnen können. Aus diesem Grund werden neuere Konstruktionen abgestraft. Hinzu kommt eine Altersvergütung. Vergleicht man ferner das Konzept einer Saphire mit demjenigen einer  XP-33 wird relativ schnell klar, dass die Boote in keiner Art und Weise vergleichbar sind. Und genau da liegt die Wurzel des Problems: die Windrichtung und –stärke entscheiden über Erfolg und Misserfolg. Es liegt auf der Hand, dass ein 10m Boot mit über 4 Tonnen bei 20kn Wind an der Kreuz auf und davon fährt, während es auf dem Downwind-Kurs genau umgekehrt sein dürfte.

ORC hat deshalb eine Wertung für Sportboote von 6 – 9m geschaffen. Innerhalb dieser Gruppe sind die Boote homogener aber das Fazit ist dasselbe. So fuhr z.B. eine Farr 28 an der ORC Sportboot Euro in Chioggia in gesegelter Zeit allen auf und davon mit 7 Laufsiegen, während sie im Gesamtklassement nach berechneter Zeit auf dem 6. Rang endete. Gewonnen wurde die Meisterschaft von der Fat26 mit einem Rating von 672.1, welche 6 der 7 Läufe nach berechneter Zeit gewonnen hat. Das Boot ist 7.8m lang, 1464kg schwer und hatte einen klassischen Spinnaker mit 43.7m2, Aluminiummasten und eine Wasserlinie von 7m.

Um ein „gutes“ Rating zu erhalten, müssten folgende Parameter optimiert werden:

-          Hohes Gewicht

-          Möglichst lange Überhänge oder kurze Wasserlinie

-          Schlankes Grosssegel, kein Square-Top

-          Kleiner Gennaker/Spinnaker

-          Kein Karbonmasten

Aus diesen Parametern sieht man relativ schnell, dass ältere Konstruktionen bevorteilt sind. Neue Boote mit Gleiteigenschaften passen nicht so richtig ins System genau so wenig wie deren Segelplan – auch innerhalb der Sportboot-Division nicht.

IRC

Ich habe nach IRC lediglich eine Regatta gesegelt: Die Spi Ouest 2014. Das Phänomen ist genau dasselbe wie unter ORC, einfach noch mehr ausgeprägt, d.h. Serafina startete mit einem ICR Rating von 1.030 in der Kategorie 2. Die ersten 5 klassierten Boote nach 7 Läufen waren:

  1. A35, 1.043
  2. First 40.7, 1.043
  3. JPK 10.80, 1.043
  4. SunFast 3600, 1.049
  5. A35, 1.032

Man sieht auch hier, dass das Ratingsytem bei heterogenen Booten nicht funktioniert. Eigentlich sollte eine Saphire 27 mit 8 Metern Länge gar nicht in dieser Gruppe starten. Schon nach der ersten Kreuz liegen die schweren und langen Verdränger so weit vorne, dass ein Aufholen fast nicht mehr möglich ist. Zudem waren meistens um die 8-12kn Wind, sodass ein Gleiten noch nicht wirklich möglich war und die längeren Boote praktisch die gleichen (Rumpf)Geschwindigkeiten vor dem Wind erreichten. Ja, das musste zuerst verdaut werden…

Swiss Rating System (SRS)

Dieses System basiert grundsätzlich auf dem IRC System, wurde aber den Bedingungen auf den Binnenseen (Windstärke) angepasst und die Surprise, welche über 600 Mal am Genfersee vertreten ist, hat den Wert 1.000 als Benchmark erhalten. Je höher der Wert, desto „scheller“ das Boot.

Hier die Vergleichswerte:

Im SRS wird die Fläche des Gennakers bzw. Spinnakers nicht berücksichtigt sondern nur die Länge des Bugsprits / Spibaums und die Höhe des Falls. Hier gilt also im Gegensatz zum ORC, dass ein möglichst grosses Vorwindsegel benutzt werden soll, um das Rating „auszureizen“.

Hingegen sieht man ähnliche Phänomene wie bei ORC/IRC: schwere Boote sind auch hier bevorteilt. Eine A35 bei Wind an der Kreuz ist nicht zu schlagen mit einer Saphire und vor dem Wind erst ab ca. 15kn Wind in Gleitfahrt. Eine A35 kann einen Gennaker/Spinnaker fahren, der doppelt so gross ist wie derjenige der Saphire, ohne abgestraft zu werden.

Interessant auch die Betrachtung der Saphire 27 mit klassischen Grosssegl und Gennaker im 7/8: Sie gewinnt 2.7% an Ratingvorteil gegenüber dem ausgestellten Grosssegel. Folglich benutzt man für das Swiss Rating System ein kleines Grosssegel und einen riesigen Topgennaker und auf keinen Fall einen Code 0 - wie der nachfolgende Abschnitt zeigt:

Ferner sieht man bei der Saphire mit einem 45m2 grossen Code 0 im Top, dass diese deswegen um 10% abgestraft wird. Der Code 0 wird in den meisten Ratingsystemen als Genua definiert. Somit hat die Saphire am Wind 74m2 anstatt der üblichen 44m2, was nur bei ganz wenig Wind funktioniert.

Auch hier gilt als besonders vorteilhaft: kurze Wasserlinie, grosses Vorwindsegel, schweres Gewicht, keine ausgestellten Grosssegel, kein Karbonmasten etc.

Geradezu absurd wirkt dieser optische Vergleich im SRS-Rating: 0.01% Abstrafung für den Gennaker im Top (76m2) vs. den kleinen Reacher (47m2) im 7/8. Dafür 2.7% Abstrafung für das Square-Top Grosssegel vs. das klassiche Grosssegel!

Swedish Rating System (SSRS)

2014 und 2015 bin ich mit der damaligen Serafina SUI-13 das Bohus-Race mitgefahren, mit zwei unterschiedlichen Ratings! 2014 kannte ich die Finessen der Ratingsysteme noch nicht und hatte „blauäugig“ eine Selbstdeklaration auf Basis der ORCC-Vermessung gemacht. Um in der Kategorie 3, Rating 1.2 < 1.25 mit den Seascape 27 starten zu können. 2014 starteten alle Seascapes mit Code 0 während wir mit der Saphire keinen Code 0 benutzen durften – und das auf dem Meer, wo der Südwestwind nach einem Code 0 schreit. Rating 2014 ohne Code 0: 1.247 für eine ganze Crew, Rating 2015: 1.215 Shorthanded inkl. Code 0 (-2.6%), d.h. zu zweit mit weniger Crewgewicht. Die Unterschiede lagen also in der Definition der Mannschaft sowie der Sicherheitsausrüstung (50kg) sowie in einer falschen Deklaration der Wanten (PBO statt Draht) UND last but not least – die Bestätigung durch den Schweizer Verantwortlichen der ORC-Kommission, dass die Daten im SSRS Messbrief korrekt sind (verified): 0.5% zusätzliche Vergütung! So einfach gewinnt man 2.6% auf 30 Stunden = 46.8 Minuten mit mehr Segeln an Bord!

Hier die Übersicht zu den Ratings 2016 mit maximalem Crewgewicht (je höher, desto schneller):

Die Verteilung der Abweichungen ist etwas flacher, aber ähnlich wie bei ORC – nur ist hier die Saphire mit einem Code 0 vermessen, welcher im ORC rund 2% Abstrafung generiert. D.h. dieses System ist „saphirekonformer…“, obwohl es auf IRC (!) basiert. Das liegt z.T. daran, dass der Offshore-Faktor stärker bewertet wird.

Norwegian Rating System

Dieses System basiert auf dem Triple Offshore Wert des ORC Messbriefs:

Bei der Saphire liegt dieser Wert bei 0.9726 bei der Seascape im Duchschnitt bei 0.9778 also ziemlich nahe beieinander. Eine tiefergehende Betrachtung erübrigt sich hier, da die Daten mit den ORC-Messbriefen kongruent sind.

Yardstick Bodensee

Oder einfach „Erfahrungswert“ genannt. Der Wert ändert sich je nach Regattaresultaten. Fährt man schlecht, verbessert sich der Wert über die Jahre und umgekehrt. Eine Ersteinschätzung wird von einem Komitee gemacht und kann von Region zu Region abweichen.

Gleiches Fazit wie bei den anderen Rating-Systemen: schwierig. Oft wird das Yardstick als ungenau abgetan und das kann für einzelne Boote zutreffen aber auf den ersten Blick scheint es nicht ungenauer als andere Ratingsysteme, nur viel einfacher. Ältere Boote scheinen auch hier bevorteilt zu sein. So ist eine Vergütung von über 10% gegenüber einer Surprise mit Topspinnaker wohl kaum zu kompensieren.

Genereller Mangel bei den Ratingsystemen (und Testberichten...)

Ein weitere Mangel in den meisten Ratingsystemen ist die Beurteilung des Kiels: es wird nur die Form und das Gewicht gemessen, meist jedoch nicht der Schwerpunkt des Kiels. So kann das Gewicht einer Finne bei der Saphire zwischen 60 (Weldox) und 200kg (Guss) variieren, je nach Materialeinsatz. Bei gleichem Kielgewicht wandert der Schwerpunkt um sage und schreibe 20cm nach oben - was enorm ist! De Facto muss beim Gusseisenkiel mehr Gewicht enthalten sein, um den gleichen Schwerpunkt zu erreichen. Das ist einerseits schlecht für's Rating und andererseits produziert ein Gusseisenkiel durch die geringere Dichte mehr Widerstand im Wasser als eine Weldox-Finne mit Bleibombe. Zudem steigt das Gesamtgewicht des Bootes und damit einhergehend sinkt die Stabilität! Und last but not least wir der Eindruck erweckt, das Boot hätte durch den höheren Ballastanteil automatisch auch mehr Stabilität, was in den meisten Testberichten der Fachmagazine überhaupt nicht differenziert wird. Im Gegenteil, oft werden Angaben wie Ballastanteil als Vergleichswert für die Stabilität herangezogen...

Überblick der Zeit-Vergütungen in den unterschiedlichen Ratingsystemen auf eine Stunde

Fazit

Unterschiedliche Boote können nicht über verschiedene Windspektren miteinander verglichen werden, es gibt immer Gewinner und Verlierer. Grundsätzlich gilt, langsame Boote sind die Gewinner aus dem einfachen Grund, dass sie bei Flaute gleich lang(sam) stehen und die Uhr zu ihren Gunsten tickt. Bei wechselnden Bedingungen gilt dasselbe. Ratings benötigen konstante Windverhältnisse und ausgeglichene Kurse. Nichtdestotrotz geht die Rechnung am Ende des Tages nicht auf. Wieviel Distanz wurde gekreuzt, wieviel vor dem Wind gesegelt und bei welcher Windstärke? Kamen die leichten Boote ins Gleiten, um den Verlust an der Kreuz gegenüber den viel grösseren und schwereren Booten zu kompensieren? Es gibt meiner Meinung nach keine Verhältnisse, welchen Ratingsysteme gerecht werden können. Einzig Annäherungen sind möglich, aber niemals wirklich fair. Das „genaueste“ System dürfte ORC sein, wenn die Faktoren den Windverhältnisse zwischen 6 und 20kn jeweils angepasst werden. Aber das wird dermassen kompliziert, dass man nach jedem Lauf rätselt, wo man denn tatsächlich nach berechneter Zeit steht.

Wer nach Ratingsytemen segelt, sollte sich ein „altes“ oder „schweres“ Boot zulegen, wer Spass haben will, eine moderne Konstruktion, formelfrei! Alle Ratingsysteme sind gezwungen, sich der Situation anzupassen, aber nur soweit das technisch über Simulationen möglich ist (Gleitzustand) und hier sind heute noch Grenzen gesetzt. Ich bin nicht gegen Ratingsysteme, weil sie immerhin eine Form des Vergleichs ermöglichen aber – keep it simple!