Mashead Code 0 (MH0) auf der Saphire - ein Erfahrungsbericht

06. Februar, 13:38 Uhr

Einsatz bei den Volvo Ocean Racer’s

Dieses Segel wird im Volvo Ocean Race von 0-6kn Wind an der Kreuz, bei mittleren Winden raumschots (reaching) und bei stärkeren Winden vor dem Wind (downwind) eingesetzt und hat eine Materialstärke von 13‘600 DPI. Ergänzt wurde es durch den J0, welcher auf dem Bugsprit gesetzt und über die Fockschot gefahren wird. Der J0 ist nur etwa halb so gross, dafür aber deutlich stärker (23‘800 DPI) und für mehr Wind geeignet, d.h. an der Kreuz von 6 -13kn. Es handelt sich um eine Neuentwicklung von North vom Herbst 2017 für die VOR65 Klasse.

Abb. North Sails / VOR65

MH0 auf der Saphire

Auf der Serafina hatte ich letztes Jahr den MH0 mit 45m2 getestet und hervorragende Geschwindigkeiten erreicht. Hart am scheinbaren Wind konnte ich einen 30° Winkel bei sehr guten Geschwindigkeiten erreichen. Bei  1.5kn bis 2.0kn wahrer Wind erreichte die Serafina ziemlich genau die doppelte Windgeschwindigkeit hoch am Wind. Nach oben schliesst sich dann die Schere und der Vorteil wird kleiner. Bei >6kn hoch am Wind wird auf die 15m2 Fock gewechselt, um mit weniger Druck die Höhe fahren zu können.  Ganz wichtig ist beim Kreuzen, dass man den Grossbaum massiv überzieht, d.h. mindestens 20cm im Luv und mit viel Twist fährt. Es liegt auf der Hand, dass damit Druck erzeugt wird aber nur so bleibt die Düse zwischen Gross und Code 0 wirklich offen und produziert den gewünschten Vortrieb.

Abb.: Grossbaum stark überzogen, um die Düse zu öffnen

Ein grosser Vorteil liegt aber auf den Kursen, bei welchen man nicht voll auf Höhe fahren muss. Ab 40 bis 60° am scheinbaren Wind kommt die grosse Überlappung zum Tragen. Das Boot fährt sofort über die theoretische Rumpfgeschwindigkeit hinaus und kann mit deutlich grösseren Booten mithalten. Das Handling ist verhältnismässig einfach, kann man den MH0 doch einfach wegrollen. Nützlich ist dies v.a. wenn man in küstennahen Gewässern unterwegs ist und lange Schenkel fährt. Auf den Binnenrevieren ist das nicht die Regel ausser am Bodensee, Genfersee oder anderen grossen Seen, wo man diese Kurse auch oft antrifft.

Abb.: MH0 mit 45m2 bei etwa 60° am scheinbaren Wind, leicht offen, erzeugt enormen Vortrieb

Durch die grosse Fläche ist es möglich, den MH0 bis 120° scheinbaren Wind effizient zu fahren, insbesondere bei mehr Wind. Wichtig ist aber, dass die Beschleunigung bei einem engeren Windwinkel erzeugt wird und man danach diese Geschwindigkeit mit in die Tiefe nimmt, d.h. zuerst Beschleunigen und dann Abfallen, wie auf einem Catamaran. Dadurch nimmt der scheinbare Wind zu und man hat den Eindruck, auch mit viel Tiefe immer noch raumschots zu fahren. Bei starkem Wind kann der MH0 sogar den Gennaker ersetzen, wobei das Risiko eines Sonnenschusses steigt, weil die Druckverteilung immer nur leeseitig ist.

MH0 vs. FR0

Im Vergleich zum „Fractional Code 0“ im 7/8 (FR0) fährt der MH0 mehr Höhe insbesondere dank der grösseren Überlappung. Der Schnitt vom MH0 ist auch etwas flacher. Das hängt damit zusammen, dass durch die 30° angewinkelten Salinge bei geringerer Überlappung das Segel hinten stärker offen bleibt. Bei grosser Überlappung schliesst das Segel und das Profil zeigt die grösste Tiefe bei etwa 45%, was ein gutes Am Wind Profil ergibt. Auf der anderen Seite kann man den FR0 durch die geringere Fläche und den etwas tieferen Anschlag am Masten bei etwas mehr Wind nutzen aber insbesondere Downwind ist er für deutlich mehr Wind ausgelegt. Der FR0 liegt somit zwischen dem Reacher (A5) und dem MH0 vom Einsatzgebiet, aber es macht wenig Sinn, beide Segel an Bord zu haben. Der MH0 wie auch der FR0 auf der Saphire sind nicht in Nylon sondern in Laminat gefertigt und werden auf einem Bartels Endlosfurler gefahren.

Abb.: Fractional Code 0 (FR0) mit 35m2

Das Nylon ist zu dehnbar und eignet sich nicht für spitze Amwind-Kurse. Der klassische Code 0 (FR0) auf der Saphire ist 35m2 gegenüber 45m2 für den MH0, d.h. fast 30% mehr Fläche. Der Schnitt beider Segel ist ein Radial-Schnitt, ähnlich wie er früher auf den fliegenden Genuas gefahren wurde. An der Kreuz ist der Unterschied zu den früheren fliegenden Genuas nicht enorm, aber die beiden Segel bieten ein grösseres Einsatz-Spektrum an Möglichkeiten, insbesondere auf dem Reaching- oder Vorwindkurs bei mehr Wind.

Abb.: ca. 120° scheinbarer Wind mit dem FR0

Vorliek-Spannung

Im Gegensatz zu den VOR schlagen wir die beiden Code 0 nicht ganz vorne am Bugsprit an, da wir so zu wenig Druck auf das Vorliek geben können. Wir gehen maximal 0.5m über den Bug hinaus, d.h. eine Distanz von maximal 70cm zum Vorstag. Das erlaubt uns, das Vorliek extrem straff durchzusetzen, um eben die gewünschte Höhe von 30° am scheinbaren Wind zu erreichen. Das Vorliek des MH0 oder FR0 ersetzt praktisch das Vorstag der Fock. Nur so kann vernünftig Höhe gefahren werden und es macht bei diesen Segeln keinen Sinn, sie ganz vorne am ausgefahrenen Bugsprit zu befestigen.

Abb.: Bugsprit nicht voll ausgefahren

Abb.: Überlappung >200%, nicht vorne am Bugsprit angeschlagen, um mehr Spannung auf dem Vorliek zu erzeugen

Abb.:  Kräftige Vorliekspannung erzeugt ein straffes Vorstag und mehr Höhe/Vortrieb am Wind

Nylon vs. Laminat

Heute werden die sog. Code 0 auf vielen Cruising Booten verwendet, weil das Handling und die Manöver, insbesondere Setzen und Bergen, einfacher sind als bei einem Gennaker oder Spinnaker. Hingegen sind die meisten Segel Kompromisse, da viele der Cruising Boote kaum über die Rumpfgeschwindigkeit hinaus kommen. Aus diesem Grund werden oft Nylon-Vorsegel als Code 0 geschnitten, was aber dem ambitionierten Segler nicht gerecht wird, dem Fahrtensegler hingegen sehr wohl. Für die Saphire empfehle ich keinen Code 0 aus Nylon

Reacher vs. Code 0

Wenn man einen Reacher besitzt (A5), d.h. einen sehr flachen und kleinen Gennaker, wie ich ihn mit 50m2 Fläche auf der Saphire auch einsetze, würde man je nach Windstärke ab 60 – 70° am scheinbaren Wind vom MH0 auf dem A5 wechseln. Den FR0 würde man erst ab 70 – 80° auf den Reacher wechseln – wenn überhaupt. Bei einem klassischen Gennaker (A2), einem sog. „Runner“ schiebt sich das nochmals deutlich nach hinten, d.h. ab ca. 100° am scheinbaren Wind würde man auf den Gennaker wechseln. Ob man nun drei verschiedene Vorsegel benötigt, ist jedem selbst überlassen – je nach Gebiet und Windstärke kann das Sinn machen oder eben nicht.

Abb.: Reacher 50m2, A5, flach geschnittener Gennaker wie er auf der Cruise eingesetzt wird

Einsatz Cruising vs. Racing

Ein MH0 in irgendeine Vermessungsformel zu kriegen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, da die sog. mittlere Breite deutlich unter 65% liegt. Um als Vorwindsegel in die Vermessungsformeln von SRS, ORC etc. zu passen, müsste die mittlere Breite über 65% liegen (bei ORC 55-75%). Nun werden auch Segel speziell für diese Formeln entwickelt, aber ein Code 0 mit einer mittleren Breiten von über 65% kann keine Höhe mehr fahren, da er schlichtweg zu rund wird.

Der Einsatz liegt folglich in formelfreien Wettbewerben oder auch im Yardstick – noch mehr aber im Freizeitsegeln bei Leichtwind. Dort zahlt sich das Segel am meisten aus, da einerseits das Handling einfach ist und andererseits die Geschwindigkeiten einfach nur Spass bringen.  Der FR0 wie auch der MH0 eigenen sich sowohl für die Saphire Cruise wie auch für die Sport.

Abb.: einfaches Wechseln oder Bergen durch fliegende Rollanlage

Ich hatte letztes Jahr u.a. die Translémanique en Solitaire mit dem MH0 gefahren und im Gesamtklassement auch sehr gut abgeschnitten. Das Rating hat mich aber in eine Klasse getrieben, wo ich von der Bootelänge her chancenlos war. So gab es im SRS eine Abstrafung von fast 10% gegenüber der normalen Besegelung, was nur aufzeigt, dass die Ratingsysteme diesen Segeln nicht gerecht werden.  Sie werden a) als Amwind-Segel vermessen und b) mit einer Überlappung von etwa 200% als Riesengenuas bewertet, welche linear hochgerechnet werden. Dadurch wird die Serafina mit 74m2 Amwind-Segelfläche bewertet.  Bei mittleren oder starken Winden fährt man den MH0  nicht mehr, behält aber die Abstrafung von rund 10%...  d.h. Spass beim Segeln und Line Honour, nicht aber im Rating.

Anders beim Silverrudder in Dänemark, wo nur die Länge zählt. Dank dem MH0 konnte ich bei Leichtwind bis zu 12SM Distanz auf das zweite Boot in meiner Klasse herausfahren. Da kommt Freude auf – auch wenn’s dann nicht bis ins Ziel gereicht hat – aber das ist eine andere Geschichte. Immerhin zeigt es das Potential dieser Segel – was aber nur mit einem Boot funktioniert, welches relativ einfach über seine Rumpfgeschwindigkeit hinaus fahren kann.

Abb.: Serafina beim Silverrudder Rund Fünen im September 2017 mit MH0