Silverrudder 2017 - ein fesselnder Bericht von Thomi Meseck

26. Oktober, 13:15 Uhr

Die Silverrudder 2017 war die härteste und schwierigste Segelregatta, die ich je erlebt habe.

 

Dazu ein paar Fakten:

Die YACHT schreibt:

„Es war eine Härteprüfung der besonderen Art: Die langsamste Silverrudder-Auflage ihrer jungen Geschichte hat nicht nur die Skipper auf die Nervenprobe gestellt, sondern das Feld bis ins Ziel auch drastisch dezimiert. Über 400 Schiffe waren gemeldet, nur 131 Startern gelang die Umsegelung Fünens im Uhrzeigersinn. 177 ins Rennen gegangene Boote erreichten den Start- und Zielhafen Svendborg nicht im Zeitlimit oder hatten zuvor schon aufgegeben.“


Der Parcours könnte nicht schwieriger sein. Jeder Teilnehmer muss hier sein ganzes Können auspacken. Es gibt Strömung, die einen am Start rückwärts fahren lässt, die das Boot an Brückenpfeiler drückt oder auf eine Untiefe schwemmt. Es gibt vier Brücken-Durchfahrten, vor allem diejenige über den grossen Belt ist seehr unheimlich, vor allem nachts! Es gibt plötzlichen Nebel, hohe Wellen schon bei kleineren Windstärken (Strömung gegen Wind), Flaute und Hunderte von Schiffen, deren Richtung und Fahrt einen bei Nacht und Strömung an seinen Sinnen zweifeln lassen. Dazu kommt, dass man zwei Nächte nicht schlafen konnte, was bei vielen zu gefährlichen Halluzinationen führte, so auch bei mir. Und.....man muss all diese Probleme alleine lösen.

Nun alles einmal der Reihe nach:

Am 7.9.2017 ist Christoph (der Freund meiner Toc hter Tina) mit seinem Cousin und meiner Saphire 27 „Island Time“ nach Fünen, eine Insel im Süden von Dänemark aufgebrochen.

Nach 18 Stunden erreichten sie Svendborg auf Fünen. Esther und ich sind ein paar Tage später nachgereist. Ich wollte noch ein bisschen Einhandsegeln trainieren. Daran war allerdings nicht zu denken. Mit 10 Windstärken deckte ein Sturm die Häuser in Svendborg ab, und ich musste mein Schiff mit dem Hänger neu parken, damit es nicht durch umherfliegende Teile beschädigt wurde.

Vorbereitung wollte ich vor der eigentlichen Regatta schon mal um die Insel segeln, schliesslich sah die Strecke auf der Karte gar nicht so gross aus. Das war aber erst möglich, als auch Lasse und Michi mit ihrer Saphire eingetroffen waren. Die grosse Frage aber war, wie und wo konnte man den Mast stellen und wo das Schiff zu Wasser lassen? Ein Kran war erst für den Donnerstag vor dem Rennen vorgesehen! Deshalb haben wir dann in stundenlanger Arbeit mit einer abenteuerlichen Konstruktion den Mast gestellt und das Schiff über den Slip ins Wasser geschubst.

Am Montag, 18.9. sind wir drei dann los, um die Insel trainingshalber zu umrunden. Was für ein Irrsinn so kurz vor dem Rennen! Im Kattegat haben wir dann auch gehörig eins auf die Mütze bekommen und mussten 10 Stunden gegen eine grosse Welle und einen steifen Wester ankämpfen. Als wir am Mittwoch Abend wieder in Svendborg einliefen, war ich sicher, das eigentliche Rennen nicht bestreiten zu können und auch nicht zu wollen.

 

Inzwischen war der Rest der Familie – mein Landteam - eingetroffen.

Bis zum Morgen des Rennens blieb nur ein Tag Erholung. Ich holte widerwillig meine Startnummer mit den entsprechenden Unterlagen ab, und am Starttag schleppte ich mich dann doch aufs Schiff, um wenigstens zu starten. Es war für mich wie ein Gang aufs Schafott, so fühlte ich mich wenigstens.

Mühsam verstaute ich meine Fressalien, und viel zu spät lief ich aus zum Start. Dieser fand unter Anfeuerungsrufen meiner Lieben statt und gelang ganz gut. Bis zur Brücke von Svendborg!  Dort standen die ersten beiden vorher gestarteten Gruppen wie eine Mauer in der Gegenströmung zwischen den diversen Pfeilern. Ich hatte den Spi schon oben und kam mit schönem Speed auf diese Mauer zu. Bremsen war gar nicht so einfach – also habe ich mal furchtbar geschrien und auf das linke Boot gezielt, das direkt neben dem Pfeiler stand. Der schrie dann auch, machte aber durch Schubsen seines Nachbarn so viel Platz, dass ich hindurch schiessen konnte. Hinter mir schloss sich dann die Lücke ziemlich lautstark. Plastik gegen Plastik - Glück gehabt! Die ganze Mauer driftete dann sogar rückwärts auf die nächste Startgruppe zurück, wie mir später meine Familie erzählte. Das Chaos hinter mir war perfekt.

Durch einen Zufall konnte ich dann nachts noch viele Plätze gut machen. Beim Halsen des Gennakers kam dieser auf der neuen Seite zum Stehen, bevor ich das Grosssegel halsen konnte. Durch die Kanäle des kleinen Belts konnte ich mit diesem Setup die tiefen Winkel segeln. Meine Familie verwöhnte mich mit aufstellenden SMS’s und meinte, ich würde durchs Feld rasen. Das war ein grosser Aufsteller, und mein Seglerherz begann zu erwachen.

Vor den Brücken von Middlefart dann der totale Stillstand. Nichts ging mehr. Naja, die Strömung lief noch gut – allerdings gegen uns. Also nichts wie ans Ufer, wo das Wasser nicht so tief ist und die Strömung dadurch geringer. Ich weiss nicht, wie lange ich gekämpft habe, und auf der anderen Seite liefen dann auch noch die Einheimischen in der Nährströmung an mir vorbei. Auf meinem Ipad war da aber alles dunkelstes Blau – Untiefen!

Irgendwann ging es dann in den Kattegat mit annehmbarem Wind auf eine endlose Kreuz. Ich blieb rechts, und ein zünftiger Rechtsdreher (30 Grad) belohnte meine zufällig gute Taktik.

Später sah ich von weitem eine riesige Nebelbank, und durch Wetterbericht und Erfahrung wusste ich, was dahinter passiert – Flaute. So kam es dann auch, wir standen ca. 8 Stunden lang. Tina schrieb mir dann, es käme frischer Wind aus NordNordOST. Genau dort standen die vielen Schiffe, die ich an der Kreuz eingeholt hatte. Diese fuhren dann bei Einbruch der Dunkelheit los und wie - und an mir vorbei!

Und mit diesem grossen Frust begann dann die zweite Nacht, nach bereits über 30 Stunden auf hoher See!

Plötzlich ging dann aber auch bei mir die Post ab. Ich setzte den Spi und nahm die Verfolgung auf.

Vor mir tauchte eine Untiefe auf (es war schon stockdunkel) sie war links und rechts durch Kardinalzeichen markiert. Ich überholte während der Durchfahrt viele Schiffe (keiner hatte den Spi gesetzt). Plötzlich meinte ich, mein Navi sei stehen geblieben und ich würde auf die Grosse Belt Brücke zurasen! Ich geriet leicht in Panik. Hastig holte ich den Spi runter und wollte die Sache analysieren. Ich war eh viel zu schnell, das Schiff und ich total am Limit. Ich glaubte auch, dass der Autopilot während dem Manöver den Dienst quittiert hatte und das Schiff in den Wind schoss. In diesem Moment klingelte das Telefon.

Telefon - gute Idee. Da gab es ja ein Backup meiner Navigationssoftware – es zeigte mich auch noch weit entfernt VOR der Untiefe und Stunden weg von der Brücke.

Weder mein Navi noch mein Autopilot waren ausgefallen!

Ich hatte alles nur geträumt und war dabei aktiv gesegelt.

Diese Erkenntnis ist mir tief eingefahren und ermahnte mich zur erhöhten Vorsicht. Ich musste wieder Herr meiner Sinne werden. 34 Stunden ohne Schlaf lagen hinter mir, und ich hatte sicher noch 10 Stunden vor mir. Esthi hatte mir ein Wachpulver eingepackt, das ich jetzt hervorkramte. Es gab wieder Positives zu melden. Der Autopilot konnte das Schiff ohne Spi auf Kurs halten, und mein Navi war nie stehen geblieben. Das Wachpulver (ein Teufelszeug) rieselte sehr erfolgreich durch meinen Körper und zeigte Wirkung.

Es näherte sich die nächste Herausforderung: Die Grosse Belt Brücke, die die Inseln Fünen und Seeland verbindet. Ich wusste, dass ich beim 16. Brückenbogen eine Durchfahrtshöhe von 14 Metern hatte – da wollte ich durch. Nur vor Gross und Fock und hohen Wellen von hinten lief ich ca. 7 Knoten, und vor mir sah ich einen riesigen dunklen Balken – die Brücke. Kein Problem, erst einmal galt es näher zu kommen. Wie weit war ich noch weg? - keine Ahnung! Meinen Steuerstand konnte ich nicht verlassen, und der Autopilot hatte wegen der hohen Wellen seinen Geist nun wirklich aufgegeben. Ich konnte den Ipad und das Telefon nicht erreichen, ohne dass das Schiff aus dem Ruder gelaufen wäre. Mein Entschluss war klar, ich musste durch die beleuchtete Durchfahrt in der Mitte. Dies war zwar ein viel weiterer Weg, dafür ein sicherer. Es war trotzdem furchtbar unheimlich – ich war übermüdet, und es gab viel zu viele Lichter. Rot und Grün – Augen zu – Kopf runter und durch.

 

Dahinter, mit der Brücke im Rücken und der Insel Langeland im Osten, wurde es ruhiger. Eigentlich hätte ich den Spi wieder setzen müssen. Aber ich konnte nicht mehr. Ich wollte nur noch sicher ankommen und nicht noch einen Unfall auf den letzten Meilen provozieren. Ich habe mich dann hingestellt, um nicht einzunicken. Wenn die Beine eingeknickt sind, bin ich immer wieder aufgewacht.

Einige Meilen vor dem Ziel ging es dann durch einen engen Kanal. Wer da die Strömung gegen sich hat, muss ankern, landet im Schilf oder muss den Motor starten. In diesem Fall wird er aber disqualifiziert. Ich hatte Glück: mich schoben bei sehr wenig Wind 1.5 Knoten durch die Untiefen. Doch noch ein Lohn für die Qualen – danke meinem Schutzengel. Vor dem Ziel konnte ich noch zwei Konkurrenten im Schach halten. Nach 44 Stunden trieb ich durchs Ziel – am Ufer johlte meine Familie, und – wie so oft bei mir in solchen Situationen - kullerten Tränen auf das nasse Schiff. Ich hatte es nicht nur geschafft sondern war als 11. in meiner Klasse eingelaufen. Was für ein Erfolg, was für ein Wahnsinn! Danke Familie für die tolle und vor allem Tina für die kompetente Unterstützung, danke Schutzengel – Ihr ward immer im richtigen Moment zur Stelle.